Die Rüstungsindustrie: Politik auf Kosten der Bevölkerung 
Die größten Industriebetriebe in Kassel waren in den siebziger Jahren die Rheinstahl-Thyssen AG und die Hanomag-Henschel AG. Über 10000 Werktätige verkauften dort ihre Arbeitskraft. 

Rheinstahl gehörte seit Anfang der 70ziger Jahre zum Thyssen Konzern, Hanomag schon seit den 60 zigern zum Daimler-Konzern, beide Betriebe sind also Bestandteile von Grosskonzernen.

Später ging Hanomag an Daimler, Thyssen verkaufte die Lokproduktion an Adtranz. ( ABB und Daimler)

In den 50ziger Jahren waren beide Betriebe noch im Besitz des Kapitalisten Oskar Henschel. Seine Familie besass den Betrieb über 150 Jahre, solange etwa, wie es den industriellen Kapitalismus gibt. Doch betrachten wir die Geschichte der Henschel-Kapitalisten von Anfang an.

Kassel liegt etwa im geographischen Mittelpunkt Deutschlands und ist so begünstigt durch seine Verkehrslage. Seit dem 13. Jahrhundert hatten sich die hessischen Landgrafen hier angesiedelt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Kassel zur Hauptstadt und zum kulturellen Zentrum der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Etliche Verwaltungen des preussischen Militaristensystems siedelten sich hier an.

Georg Christian Carl Henschel hiess der Stückgiessergeselle, der 1777 nach Kassel kam und dort in eine kleine Giesserei einheiratete. Was wurde in dieser Zeit in der Giesserei hergestellt? Carl Henschel goss Glocken und – als sinnvolle Ergänzung- Geschützrohre. Für die Geschützherstellung bekam er vom Landgrafen das Vor- und Sonderrecht für die alleinige Herstellung. So brachte er es im Jahre 1797 beispielsweise auf 98 Geschütze.

"Carl Henschels nie rastender, erfindungsreicher Geist begnügte sich aber nicht mit der Kunst des Giessens. Er wagte sich an alle Gebiete , die sich auf die Bearbeitung von Metallen gründeten. "So sahen es seine Nachfahren 150 Jahre später in einer Festschrift.. Mit einem gewissen Stolz weissen sie auch darauf hin, dass ihr Vorfahr 1810 mit den Besatzungstruppen des Napoleon aneinandergeriet und daraufhin das staatliche Giesshaus, dass er bis dahin noch benutzen konnte, verlassen musste. Carl Henschel liess sich davon aber offensichtlich nicht aufhalten. So wird 1810 auch das Gründungsjahr der späteren Henschel& Sohn AG, bestehend aus Werkstätten, einer Giesserei und einer kleinen Maschinenfabrik.

Immer wieder waren es Aufträge militärischer Art, , so z.b. 1826 grössere Mengen von Kanonen, Haubitzen und Mörsern, die es Carl Henschel gestatteten, den Betrieb immer mehr zu erweitern.

1817: Anlage einer Dampfmaschinenfabrik
1836: Bau einer neuen Fabrik am Möncheberg, in der etwa 200 Arbeiter beschäftigt waren.
Durch die Weiterentwicklung der Produktivkräfte wandelte sich auch die Produktion in der Henschel-Fabrik

Das Streben nach immer weiterer Ausdehnung der anlagen und damit der Steigerung seiner Profite waren die Triebkraft für Carl Henschel und seine Nachfolger. Von der Giessereitechnik zum Bau von Maschinen und zur Herstellung von Turbinen. So wurde 1843 ein Dampfschiff namens "Eduard" gebaut, 1848 die erste Lokomotive, genannt "Drache".

1860 arbeiteten etwa 350 bei Henschel. Unter anderem stellten sie Gewehrläufe und Kanonenrohr-Bohrbänke her. Gute Verdienste in verschiedenen Kriegen mit Österreich, Dänemark und Frankreich schufen die Grundlage für eine Erweiterung des Lokbaus, auf den sich die Nachfolger Carl Henschels konzentrierten.

Mit der nationalen einigung Deutschlands ging es immer schneller aufwärts mit den deutschen Kapitalisten. Auch bei Henschel.

1873 wurde eine neue Hammerschmiede in Rothenditmold, damals nach ein Dorf in der Nähe Kassels, gebaut, 2246 Arbeiter schufteten für die Henschels Profite im Jahre 1875. "Ein Fortbildungs-Schulhaus" wurde gebaut, in dem 3-400 Lehrlinge ausgebildet wurden, um den notwendigen Nachwuchs an betrieblichen Facharbeitern zu sichern.

Auch über Kassel hinaus wurde der Betrieb ständig erweitert:

1904  Kauf der Henrichshütte bei Hattingen

1916 Erwerb der Erzgruben im Siegerland und in Thüringen

1923  Erwerb der Aktienmehrheit der Essener Steinkohlebergwerke.

Die Zahl der Arbeiter erhöhte sich von 2200 auf 6200 im Jahre 1908 und 10733 1922. Auf der Henrichshütte wurden zeitweise bis zu 6000 Arbeiter eingestellt.

Der aufstrebende deutsche Imperialismus sammelte gewaltige wirtschaftliche Kräfte an. Sein politischer Einfluss in der Welt war hingegen zurückgeblieben. Im Wettlauf mit den anderen imperialistischen Nationenwar er zu spät gekommen, die Welt war weitestgehend aufgeteilt, bevor die deutsche Bourgeoisie im eigenen Land an die politische Macht gelangte. Und auch nur an die Macht gelangt , indem sie dem Feudal- und Militäradel, insbesondere dem preussischen, an der Macht teilhaben liess.. Dieses Bündnis reaktionärer Kräfte mit einer zu spät gekommenen Bourgeoisie liess den deutschen Imperialismus agressiv agiren.. Die Widersprüche zwischen den imperialistischen Mächten spitzten sich schließlich dermassen zu, dass eine bewaffnete Auseinandersetzung unvermeidlich wurde. Der Krieg stellt die Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln dar.

Für die Kapitalistenwaren sowohl die Kriegsvorbereitungen als auch der Krieg selbst ein riesiges Geschäft, sie scheffelten während dieser Zeit höchste Profite.

"Am 2. August wurde der Krieg erklärt. In nie gekannter Einigkeit fand sich das deutsche Volk zusammen, einer Welt von Feinden zu begegnen. Überall flammte Begeisterung auf. Alt und Jung wetteiferten, den zu den Fahnen eilenden und den abrückenden Soldatendie letzten Tage und Stunden so angenehm wie möglich zu machen. Vom ersten Mobilmachungstage an folgten Tausende gedienter Henschelaner den Gestellungsbefehlen. Da hiess es in der Lohnabteilung, fix rechnen und Geld auszahlen...Der Betriebsführer Karl Henschel stellte sich in den Dienst der Landesverteidigung, indem er die Führung der wichtigen Bahnhofskommandatur ubernahm....Nach und nach stellte sich die Erzeugung bei Henschel auf Kriegsbedarf um. Die Siege der deutschen Truppen in Ost und West fanden ihren Niederschlag in den langen Kriegsgefangenekolonnen, von denen – hauptsächlich Franzosen- auch im Kasseler Werk viele zur Arbeit herangezogen wurden. Die in Baracken in Rothenditmold untergebrachten Gefangenenverrichteten zunächst Hofarbeiten, später, da immer mehr männliche Kräfte für den Heeresdienst freigemacht werden mussten, arbeiteten die Franzosen in den Betrieben.Zum ersten Male in der Werkgeschichte wirkten auch Frauen tapfer an den Drehbänken mit. Geschützbauund Granatzünderherstellung lautete damals die Produktionsparple. Bei Heckershausenunterhielt damals Henschel einen eigenen Schiessplatz zur Erprobung seiner Erzeugnisse für den Krieg." ( Aus: "Henschelstern", August 1939 , Betriebszeitung der Fa. Henschel)

Die Kriegsproduktion begann mit der Lieferung von Geschossen, Zündern und Munitionswagen. Ab 1917 wurden Aufträge zum Geschützbau erteilt.

"Die Umstellung des Werks erforderte größte Mühe und kostbare Zeit. Auf dem sogenannten Mittelfelde bei Kassel wurde eine neue Anlage für den Geschützbau errichtet- das jetzige Werk 3- das im Mai 1918 seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Die Geschütz- und Ersatzrohre kamen vorgebohrt, vorgedreht und vergütet von der eigen Henrichshütte. Zum Neubau von Geschützen trat die Umarbeitung von Maschinenkanonender Marine zu Fliegerabwehrkanonen, ferner der Umbau belgischer, russischer und englischer Beutegeschütze. Henschel wurde auch mit dem Neuentwurf von Geschützen eigener Produktion betraut- allerdings erst zu einer Zeit,als sich der Krieg schon seinem Ende näherte: Es konnten nur noch zwei Geschütze Henschelscher Entwurfs- 10,5 cm Eisenbahngeschütze für Fliegerabwehr- abgeliefert werden, die aber nicht mehr ins Feld gekommen sind." ( Aus: 125 Jahre Henschel, 1935)

Auch die Lokomotivproduktion wurde zur Goldgrube, schon vor dem Ausbruch des Krieges.

" Für den Henschel-Lokomitivbau brachten der Krieg und die ersten Jahre der Nachkriegszeit starke Steigerungen aller Leistungen. Der Lokomotivbedarf der Mittelmächte nahm ständig zu und wuchs umso schneller, je mehr sich die kämpfende Truppe zahlenmässig vergrösserte, je weiter sich die Grenzen der besetzten Gebiete hinausschoben- ein beredtes Zeugnis vom Verkehrsumfang war der Balkanzug- und je mehr die vorhandenen Lokomotiven infolge Überanstrengung, mangelnder Pflegeg und Rohstoffnot an Betriebstüchtigkeit verloren. ( a.0. S. 131)

Die Bilanz

798 Feldbahnloks

145 101-Tenderloks ( an Ungarn)

433 "Kriegseinheitsloks"

Kaiser Wilhelm II besuchte 1918 die Henschelwerke und verteilte Verdienstorden. Karl Henschel erhielt während des !. Weltkrieges allein 12. 

Auch nach dem ersten Weltkrieg waren die Auftrtagsbücher gefüllt. Mit Kriegsproduktion war es zwar vorläufig vorbei, dafür aber musste das gesamte deutsche Eisenbahnwesen, das unter dem Krieg schwer gelitten hatte, wieder aufgebaut werden.

Doch 1923/24 begann eine Krise im Lokbau, es kamen nur noch wenig Aufträge von der Reichsbahn. 1925 kamen schliesslich überhupt keine Reichsbahnbestellungen mehr. Auch die Auslandsaufträge gingen ständig zurück und blieben mit der Weltwirtschaftskrise ab 1928 schliesslich ganz aus.

Auf verschiedene Weise versuchte Henschel den Schwierigkeiten zu begegnen.

Zum einen wurde der Lokbau rationalisiert

Zum anderen wurde auf neuen Gebieten die Produktion begonnen, so auf dem LKW-Sektor und im Strassenmaschinenbau.

Die nötigen Mittel konnte Henschel nur aufbringen, indem er sich 1929/30 von der Henrichshütte und den Essener Steinkohlebergwerken trennte. All das aber waren Massnahmen, die Henschel nur so einigermassen über Wasser hielten. Ganz zu schweigen von der steigenden Ausbeutung der Henschel-Arbeiter, auf deren Rücken die Hauptlast der Krise ausgetragen wurde. 

Die deutschen Industriellen suchten inzwischen nach einer ihnen gemässen politischen Lösung, befürchteten sie doch eine stärker werdende Arbeiterbewegung, waren ihnen die letzten Errungenschaften der Arbeiterbewegung aus der Nachkriegsrevolution ein Dorn im Auge . Diese Lösung war die offene faschistische Diktatur über das deutsche Volk.

Rückblickend stellt Henschel fest:

"Ein Umschwung zum Besseren wurde erst 1933 durch die Massnahmen der nazionalsozialistischen Regierung eingeleitet" ( a.o., S. 136)

Dieser Umschwung wurde in folgendem deutlich

1933  wurde mit der Gründung der Henschel-Flugzeugwerke-AG der Einstieg in den Luftfahrtsektor vollzogen

1934  Bau neuer Fabrikanlagen und Flugplatz in Berlin

1938  Werk in der Wiener Neustadt mit 600 Beschäftigten.

Neben den drei Kasseler Werken (HF entstand auf dem Gelände des heutigen VW-Werkes) besass Henschel die Braunkohlenwerke Möncheberg, zu der die Zeche Heiligenberg gehört

Die Machtübernahme der Nazis war für die Henschelprofite ein warmer Regen.

Imperialistische Kriegspolitik vernichtet eine Stadt
Die deutschen Faschisten machten Kassel zu einem militärischen Zentrum, die Industrie Kassels wurde auf Kriegsproduktion umgestellt. So stellten z.4. die Henschel-Werke die Panzertypen 'Tiger' und 'Panther' her, die Spinnfaser (heute Enka-Glanzstoff) produzierte Sprengstoff. 21 Unternehmen im Bereich der Industrie- und Handelskammer Kassel stellten Rüstungsgeräte her, 45000 waren in der Rüstungsindustrie beschäftigt.

1945 war Kassel nur noch ein Trümmerhaufen. Die schweren Bombenangriffe 1943 hatten den Stadtkern völlig zerstört. 13 000 Tote, die Industrie zu 70 -80 % vernichtet, die Reste waren demontiert, Zehntausende waren arbeitslos. 

Die Westimperialisten  betriebensystematisch die Teilung Deutschlands, sie wollten verhindern, dass in ganz Deutschland die Arbeiterklasse Schluß macht mit Kapitalismus und Faschismus. Ihre Befürchtungen waren nicht unberechtigt: auch in Kassel bildeten sich nach der Besetzung durch die US-Streitkräfte antifaschistische Ausschüsse aus kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeitern. Der sozialdemokratischen Führung passte das überhaupt nicht; sie versuchte die Aktionseinheit zu hintertreiben. Die Werkshalle der Spinnfaser reichte nicht aus, als 1945 Tausende zur Gründungskundgebung der wiederzugelassenen KPD kamen. Die CDU brachte damals knapp 300 Menschen auf die Beine.

Die Arbeiter und Arbeiterinnen wollten mit Faschismus, aber auch mit dem Privateigentum Schluss machen. Es bildeten sich auch in Kassel Komitees. Doch sie vertrauten den "Befreiern" . So übergaben Henschel-Arbeiter Listen aller Nazis im Betrieb an die Allierten , die allerdings gegen die Komitees und KPD-Mitglieder und Gewerkschafter vorgingen und die Nazis unbehelligt liessen.
 
 

Die Remilitarisierung wird durchgesetzt

In den nächsten Jahren wirkten ausländische und inländische Reaktionäre zusammen, wo es gegen die Arbeiterklasse ging. Die rechten Sozialdemokraten trugen ihren Teil dazu bei. "Mitläufer" und "Mitkämpfer" der Nazis kamen wieder aus ihren Löchern hervor, die halbherzige "Entnazifizierung" wurde durch die Strategie des "Kalten Krieges" ersetzt, eine immer heftiger werdende antikommunistische Hetze setzte ein. Die bürgerlichen Kräfte schlossen ein antikommunistisches Bündnis mit den Führern der Kasseler SPD. So forderten die 'Falken'(Jugendorganisation der SPD) den Ausschluß der FDJ (Freie Deutsche Jugend) aus dem Stadtjugendring (aus den Falken stammt auch der ehemalige SPD-Geschäftsführer Holger Börner).

Die KPD war seinerzeit die einzige politische Kraft, die konsequent gegen die Teilung Deutschlands auftrat und gegen das Diktat der Westimperialisten, die sich immer mehr auf "ehemalige" Nazis stützten. "ABZUG ALLER BESATZUNGSTRUPPEN"  war   die Parole der Kasseler KPD

Verbot der KPD

Anfang der fünfziger Jahre nahm die Verfolgung der Kommunisten weiter zu. Die Behörden entließen Mitglieder der KPD und der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). Eine Versammlung von KPD und VVN wurde von 1 400 (!) Polizisten unterbunden. 1951 wurde die FDJ verboten. Führende Mitglieder der Kasseler FDJ wurden am 20.10.1951 verhaftet, unter der Beschuldigung, Sprengkammern der US-Armee an der Eisenbahnbrücke in Kassel zubetoniert zu haben. Die US-Besatzer verurteilten die Genossen zu insgesamt 72 Monaten Gefängnis im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg. Immer wieder Festnahmen, Razzien und Entlassungen.

Der Kampf der Sozialdemokraten gegen die Remilitarisierung beschränkte sich auf Resolutionen. Vor Konsequenzen schreckte man zurück, obwohl der Unmut unter den SPD-Arbeitern groß war. 1955 tauchte F. J. Strauß in Kassel auf', um für die NATO Beitritt-Reklame zu machen und gegen den Kommunismus zu hetzen. Viele Arbeiter, Mitglieder der KPD und andere Linke, nahmen das nicht ohne Widerspruch hin, es kam zu schweren Auseinandersetzungen und Verhaftungen.

Es waren  aber auch etliche Fehler in der Politik der stalinistischen KPD, die eine Isolation der Partei begünstigten, zudem unterdrückte die SU und die SED in der DDR die Arbeiterbewegung.

Mit dem Verbot der KPD 1956 war entgültig der Weg zur Remilitarisierung frei.

Es gab keine Kraft, die verhindern konnte, dass Kassel wieder zur zweitgrößten Garnison des westdeutschen Militarismus wurde. Nicht weit von Kassel entfernt verlief die innerdeutsche Grenze, die Grenze, an der sich NATO und Warschauer-Pakt-Truppen waffenstarrend gegenüberstehen. Kassel ist der Sitz des Stabs der 2. Jägerdivision. In und um Kassel sind Einheiten verschiedener Waffengattungen stationiert: Jäger (Infanterie), Artillerie, Panzer (Mengeringshausen, Hessisch-Lichtenau, Wolfhagen), Flak, Pioniere, Fernmelder, Versorgung u.a., entlang der Grenze befanden sich Atomminen. Wären diese Minen hochgegangen, von Kassel wäre weniger übrig geblieben als nach den Bombennächten 1943.

Machen wir einen Sprung Ins Jahr 11976

Soldaten , LKWs oder Panzer gehörten in Kassel zum Stadtbild, über die umliegenden Dörfer rasen Hubschrauber der Heeresflieger im Tiefflug. 1973 verseuchten Manövertruppen einen ganzen Landstrich mit Nebeltöpfen derart, daß die Betriebe schließen mußten und eine Reihe von Leuten in die Krankenhäuser kam. Immer wieder werden den Bauern von Panzern die Felder umgepflügt, die aber auf diese. "Erntehilfe" heftig reagiert haben.

"Bauernaufstand" wegen Flurschäden

"Weil die 2. britische Division bei ihrem Herbstmanöver im Kreisteil Hofgeismar des Kreises Kassel zwischen Hofgeismar und der Oberweser am Rande des Reinhardswaldes Acker und Wiesen nach ihrer Meinung in unverantwortlicher Weise verwüsteten störten zahlreiche Landwirte die Übung am Dienstag mit einem Aufmarsch von 250 bis 300 Treckern. Zeitweilig standen sie auch den Panzern mit Mistgabeln. Die Bauern betonten, dass ihre Geduld zu Ende sei und nur durch harte Maßnahmen weitere Manöverschäden sich vermeiden ließen." HNA 1976

Daß die Bevölkerung dies hinnimmt, dafür soll die "Hessisch -Niedersächsische -Allgemeine" sorgen, deren Lokalteil oft so aussah, als seien die Redakteure Offiziere im Stab der 2. Jägerdivision. Fast jeden Tag ein Artikel über die netten, freundlichen, hilfsbereiten Soldaten. Dabei kamen natürlich auch Bundesgrenzschutz und Polizei (beide auch sehr zahlreich in Kassel vertreten) nicht zu kurz.

In Kassel waren Besuche von Schulklassen, in der Hauptsache 10- bis 14-jährige, in Kasernen sehr häufig. Kultusminister Krollmann persönlich organisiert Treffen von Lehrern und Jugendoffizieren. 

Die Kasseler Rüstungsindustrie arbeitet eng mit der örtlichen Bundeswehr zusammen. Soldaten gehen bei Thyssen ein und aus, oft werden "frische" Panzer direkt ab Werk abgeholt. Die Bundeswehr läßt Fachkräfte in den Werken ausbilden. Auch Offiziere aus dem Iran( damals noch Schah-regierten) wurden bei Thyssen ausgebildet.

So bekam an einer Kasseler Berufschule eine beinahe 30-köpfige Klasse von Unteroffizieren in Uniform Unterricht. Ziel: Ausbildung zum Industriemeister. 

Jeden Morgen fuhr ein Bus vor das Ausbildungszentrum von Thyssen-Henschel, um dort Soldaten in Uniform abzusetzen.. Denjenigen Arbeitern, denen nach der Lehre Arbeitslosigkeit droht, wird so der Mund wässrig gemacht: Berufsausbildung und sicheres Einkommen beim Bund. 

Bei den Kasseler Sozialdemokraten, die seit Kriegsende im Kasseler Rathaus sitzen, findet sich nicht mehr der leiseste Schimmer von 0pposition gegen die Bundeswehr. Ganz im Gegenteil. Vor einigen Monaten brachte die "Neue Hessische Zeitung" der SPD-Nordhessen eine große Reportage über die' Bundeswehr. Überschrift:"Der alte Zopf ist ab." Ein einziger Jubelruf auf die Bundeswehr, Werk eines begeisterten Sozialmilitaristen. Im Frühjahr stattete der Bundeslverteidigungslminister Leber der Panzerproduktion von Thyssen-Henschel einen Besuch ab. 

Die Kasseler Rüstungsindustrie war 1975 stärker ausgebaut als im Jahre 1938. Thyssen-Henschel ist das Zentrum mit der Produktion des "Marder" und des "Luchs" (die die Raubtiertradition des "Tiger" und "Panther" fortsetzen). Bei den Hanomag-Henschel-Fahrzeugwerken (100 % Daimlertochter) werden LKWs gebaut für die Bundeswehr. Auch die Gebrüder Bode hatten ihre Finger im Rüstungsgeschäft. Thyssen exportiert seine Panzer auch ins Ausland , besonders den "Marder"(an Saudi-Arabien). Mitte der siebziger Jahre gab es aber ein Exportverbot, hinter dem das Geschäftsinteresse der NATO-"Partner" und der Friedensbetrug der SPD stand. Indem die SPD versuchte, das Verbot geschickt zu umschiffen, um den Schein zu wahren, forderte die CDU offen den Ausbau der Panzerproduktion, "um Arbeitsplätze zu schaffen", wie diese offenen Kriegstreiber sagen. Aber das waren nur taktische Differenzen zwischen den bürgerlichen Parteien, beide haben denselben imperialistischen und aggressiven Kern. Daimler bekam 1976 einen Auftrag über 22 000 Fünftonner-LKWs erhalten, die zwischen 1977 und 1985 hergestellt werden sollen.

Von der Bundeswehr profitierten auch andere Kasseler Kapitalisten, z.B, die Baukapitalisten mit etlichen Neubauten im Militärbereich. Immer mehr Arbeitsplätze werden von der Aufrüstung abhängig, bei gleichzeitiger hoher Arbeitslosigkeit. Über 11000 Arbeitslose ( Juli 1976) im Arbeitsamtsbezirk Kassel, das ist eine der höchsten Arbeitslosenzahlen in Westdeutschland. In den zehn Jahren von 1966-1976 wurden über 10 000 Arbeitsplätze in Kassels Industrie wegrationalisiert – über in Viertel der Gesamtzahl. Obwohl hier auch eine Verschiebung in Richtung Dienstleistungsbetriebe stattfand (öffentlicher Dienst. Handel Banken usw.) hatte dies eine hohe Arbeitslosigkeit in Kassel und Umgebung zur Folge. Und die Kasseler Wirtschaft (und nicht nur die) wird beherrscht von Konzernen: Alle größeren Betriebe sind Teile großer Konzerne VW ( in Baunatal), Thyssen-Henschel, Hanomag-Henschel-Fahrzeugwerke (Daimler), Enka-Glanzstoff, AEG, Wintershall (BASF), Siemens, ,Phillips, Binding, Regel- und Meßtechrik (Quandt).

Anfang der 80ziger ist dann auch Schluss mit ENKA-Glanzstoff.

Ende der 80ziger Jahre , nach dem Ende der DDR, keimte in Kassel die Hoffnung, nun aufgrund der zentralen geographischen Lage bessere Zeiten zu erleben. Doch nach weiteren 10 Jahren liegt die Arbeitslosigkeit in Kassel immer noch bei über 15 %. 

Die SPD hat in Hessen, auch in ihren nordhessischen Hochburgen viele Wähler verloren, in den einst "roten Rathäusern" sitzen jetzt CDU-Bürgermeister.

Ende 1999: der hessische Ministerpräsident Koch( CDU) fordert die Exportgenehmigung für die Lieferung von Leopard II Panzern an die Türkei. Adtransarbeiter fordern auf einer Demonstration vor dem Rathaus Kassels den "Hochtechnologiestandort Deutschland" und die Produktion des Transrapid. Die " Junge Union" verteilt dazu Flugblätter.

Wieder kettet die Belegschaft ihr Schicksal an die Profiterwartungen ihrer Kapitalisten , weil ihr andere Kampfperspektiven fehlen. 

Darin liegt eine große Gefahr für die Arbeiter. Den Militaristen kann es so leichter gelingen, die Arbeiter für ihre Ziele zu gewinnen, sie davon sogar abhängig zu machen. Arbeiter, die eine Ausweitung der Kriegsproduktion fordern, das ist ein Wunschtraum der Imperialisten. Dem kann nur eine revolutionäre Partei entgegenwirken, die die Arbeiter beharrlich über die Ziele der Militaristen aufklärt. Sonst werden Nordhessens Arbeiter (und nicht nur diese) an den Militarismus gekettet, werden sie reif für faschistisches und reaktionäres Gedankengut.